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Der Wiederaufbau von Lille
Der Wiederaufbau muss zunächst das Dringendste erledigen: Das Stadtzentrum neu gestalten und der Industrie im bombenzertrümmerten Viertel Moulins zum Neustart verhelfen. Die Dringlichkeit und die finanziellen Schwierigkeiten geben teilweise bestreitbare Lösungen vor. Im Stadtteil Moulins werden die Fabriken und Häuser nahezu identisch wiederaufgebaut. Insbesondere bleiben die kollektiven Arbeitersiedlungen im Industriegebiet erhalten. Gewiss werden einige Verbesserungen vorgenommen: Die meisten Wohneinheiten werden durch den Zusatz einer Etage vergrößert. Eine Stadtplanungspolitik wird jedoch nicht ausgeübt. Die nach dem Krieg völlig wiederaufgebaute Rue de Rochin (heutige Rue Jean-Jaurès) scheint aus dem 19. Jahrhundert zu stammen. Im Stadtzentrum sind die Verbreiterungen der bestehenden und der Bau neuer Straßen nur begrenzt möglich. Die Langsamkeit des Wiederaufbaus wird immer wieder von der Presse und von den Einwohnern angeprangert. Das Hauptproblem ist die Entschädigung der Eigentümer von Gebäuden, die an größtenteils zerstörten Standorten noch aufrecht stehen. Um die Rue Béthune zu verbreitern, hätte eine Straßenseite abgerissen werden müssen, die andere war bombardiert worden. Doch im Gegensatz zum Wiederaufbau von Cambrai weigert sich der Staat hier die Kosten der Enteignungen zu übernehmen, was dazu führt, dass das Verbreiterungsprojekt am Ende der 20er Jahre aufgegeben werden muss. Der Vorrang wird dem Wiederaufbau der Rue Faidherbe eingeräumt. Trotz der modernen Techniken des Stahlbetons, bleibt die Stadtoptik gleich und zeugt von dem Eklektizismus des Bürgertums im 19. Jahrhundert. Erst in den angrenzenden Seitenstraßen entdeckt man ein paar originelle, vom Expressionismus geprägte Bauten. Im Gebäude der Rue de l’Hôpital militaire ist der Einfluss des Art-déco-Stils dank der Architekten Louis-Marie und Louis-Stanislas Cordonnier, Vater und Sohn, spürbar. Die Sorgfalt bei der Materialauswahl und die Qualität der Spiegelungseffekte sind besonders bemerkenswert.
Der Frieden, der Versailler Vertrag und das Entschädigungsversprechen wecken indessen in Lille die Hoffnung einer rationalen Raumnutzung in dieser von der Industrie geprägten Stadt. Das Gesetz vom 19. Oktober 1919, welches endlich die Festung von Lille herunterstuft, gestattet den Abbau der Stadtbefestigung. Die bisher 700 Hektar große Innenstadt wird um 400 Hektar erweitert. Schon während dem Krieg haben die „Amis de Lille“ einen Stadtgestaltungsausschuss gebildet. Die sozialistische Stadtverwaltung greift das Projekt auf und schreibt am 3. Mai 1920 einen Ideenwettbewerb aus, deren Preisträger – Jacques Greber und Louis-Stanislas Cordonnier – schließlich zugunsten von Émile Dubuisson aus dem Projekt ausgeschlossen werden. Der Stadtgestaltungs- und Verschönerungsplan von 1921 wird um einige zentrale, von der Gemeinde auferlegte Zwänge herum erstellt. Hauptziel ist, die Stadt um das Rathaus herum zu zentralisieren, welches mitten im Arbeiterviertel Saint-Sauveur neu errichtet wurde. Die Entfernung des Bahnhofes von Zentrum und dessen Umwandlung in einen Durchfahrtsbahnhof geht in dieselbe Richtung: Das bestehende Stadtzentrum erweitern. Der Verkehr in und um die Stadt herum muss durch die Erschaffung eines doppelten Verkehrssystems verbessert werden: Es ist geplant, den inneren Ring durch den Bau einer Hauptverkehrsader abzuschließen, die am Fuße der Kathedrale von Lille entlang verläuft; eine Ringstraße soll den Platz der ehemaligen Stadtmauer einnehmen und den Eckpfeiler für den Grüngürtel bilden; am Anfang des Baus des „Grand-Boulevard Lille-Roubaix-Tourcoing“ wird eine neue Verkehrsachse, die Lille mit Armentières verbunden hätte, in Erwägung gezogen. Die Verlegung des Rathauses und der Bau neuer Verkehrsadern geben Anlass zur Sanierung: Der Abriss des bekanntlich heruntergekommenen Viertels Saint-Sauveur wird geplant und die Gemeinde beginnt, den Einwohnern ihre Kriegsentschädigungen aufzukaufen. Die Umsetzungen entsprechen nicht den Erwartungen. Der Abbau braucht einen Großteil des finanziellen Potentials der Stadt auf. Der Plan von 1921 hätte ein Modell für die Erneuerung der lokalen Stadtverwaltung sein können, doch da ihm dazu die Kühnheit fehlt, greift er lediglich die Stadtplanungsmethoden des 19. Jahrhunderts wieder auf: Abriss und Sanierung des bestehenden Stadtgefüges, neue Ausrichtung der Stadt und Verbesserung der Verkehrswege. Die neuen Ideen des Projektes von Jacques Greber und Louis-Stanislas Cordonnier, die sowohl von den Konzepten von Tony Garnier, als auch von dem angelsächsischen Modell inspiriert sind, werden völlig aufgegeben.
Im Mittelpunkt der Umsetzung des Plans von 1921 steht der Bau des Rathauses, welches den Kern der von Émile Dubuisson konzipierten Stadtgestaltung bildet und den Traum einer neuen Welt verkörpert, die aus den Trümmern des Krieges entsteht. Das Gebäude wird auf dem Square Ruault errichtet, nur wenige Meter von der Stelle, an der die Internationale komponiert worden war. Ein strahlenförmig ausgerichtetes Schienennetz soll zum neuen Durchfahrtsbahnhof, zum Grand Place und zum Place de la République führen. Ein neues Stadtviertel wird geplant, welches sich von dem Werk von Émile Dubuisson inspirieren soll. Die so geschaffenen Perspektiven würden das Gebäude besonders hervorheben, mit dem Glockenturm als Symbol der zurückerlangten Macht. Dieses Projekt ist von den ideologischen und politischen Debatten der Nachkriegszeit geprägt. Dem Marxismus durch die Verherrlichung der Nation und den französischen Burgfrieden – die sogenannte „Union sacrée“ – entzogen, versuchen einige Parteiführer der SFIO („Section française de l’Internationale ouvrière“) ihre politischen Bestrebungen neu zu definieren. Der amerikanische Einfluss ist in allen Dimensionen spürbar. Die Größe des Gebäudes (104 Meter auf der Rue municipale, große Galerie des Verwaltungsflügels) kann nur durch die Perspektive der Erschaffung des Grand Lille erklärt werden, ein riesiger städtischer Großraum, der einzig imstande ist, die Stadt als Metropole zu behaupten. Dabei handelt es sich nicht nur um eine territoriale Frage; wie im sehr dezentralisierten Verwaltungssystem der angelsächsischen Länder, würden die Städte in den Bereichen der Sozialdienste, des Bildungswesens, usw. über erweiterte Befugnisse verfügen.
Alles in der Umgebung verrät ebenfalls den Einfluss der großen amerikanischen Banken: Großräumige Hallen, weit geöffnete Theken, sogar die massiven Uhren zeugen von dieser vermuteten Genauigkeit des amerikanischen Riesen, der bereits als Logistikmeister gilt.